Unitas Sugambria Osnabrück
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III

Heß war seit den Anfängen der Weimarer Koalition entschiedener Repu¬blikaner, der auch das Vertrauen der Sozialdemokraten trotz seines divergierenden kulturpolitischen Standpunktes besaß. Am 9. Oktober 1920 wurde er im Zuge der in Preußen nach dem Kapp Putsch eingeleiteten Maßnahmen zur Demokratisierung der Beamtenschaft zum Oberregie¬rungsrat bei der Bezirksregierung in Koblenz ernannt, wo er die Aufgaben eines Dirigenten der Abteilung für Kirchen und Schulfragen übernahm. Im Vorjahr hatte er Helene Heuschen (geb. 1890) geheiratet, eine Tochter des Abteilungsleiters im Preußischen Kutusministerium, Geheimrat Wilhelm Heuschen. Der Ehe entstammte eine Tochter (geb. 1924).

Als Vertreter des von den Franzosen ausgewiesenen Koblenzer Regie¬rungspräsidenten Brandt zog sich Heß im Juli 1923 den Unwillen des preußischen Kultusministeriums zu, als er in ungewöhnlich scharfer Form auf dem Dienstwege der vorgesetzten Behörde Unfähigkeit und politische Instinktlosigkeit vorwarf, weil diese gerade auf dem Höhepunkt des Ruhr¬kampfes die Auszahlung der staatlichen Besoldungszuschüsse an die not¬leidenden katholischen Pfarrer in der Rheinprovinz verzögerte.

Die Affäre erregte Aufsehen, da sich die Kritik letztlich gegen den zur Deutschen Volkspartei (DVP) gehörenden Kultusminister Otto Boelitz richtete. Sie galt damit auch dessen Partei, die seit November 1921 in Preußen mit SPD, DDP und Zentrum in einer Großen Koalition verbun¬den war. Finanzminister Ernst v. Richter, der ebenfalls der Volkspartei angehörte, meinte am 16. Mai 1924 übereinstimmend mit Boelitz, „daß in den Berichten des Oberregierungsrates Heß in bedenklicher Weise die Stellung eines Beamten mit der eines Abgeordneten verwechselt“ werde. Schon mit Rücksicht auf das Zentrum als Koalitionspartner mußte das Verfahren gegen den prominenten Parlamentarier, der sich mit seiner Aktion vor allem der von der DVP verfolgten „Versackungspolitik“ entgegengestellt hatte, im September 1924 niedergeschlagen werden.

Heß kam mit einer formellen Rüge davon, die für ihn zweifellos weniger peinlich war als für die Regierung, die ihn am 24. März 1924 wegen seines umsichtigen Verhaltens während des Koblenzer Separatistenputsches im Herbst 1923 befördert hatte. Heß war am 25. Oktober in Koblenz von der französischen Kriminalpolizei verhaftet worden, nachdem er sich zunächst, nach dem ersten fehlgeschlagenen Anlauf der Sonderbündler, zwei Tage lang mit einer vor allem aus Gewerkschaftlern bestehenden Schutz¬wache in seinem Amtsgebäude, dem Koblenzer Schloß, verbarrikadiert hatte. Der französische Kommandant begründete die Verhaftung damit, daß Heß die Bevölkerung durch seine Verteidigungsmaßnahmen beunruhigt habe. Da Heß es ablehnte, sich auf Ehrenwort zu seiner Familie nach Ahrweiler zu begeben, wurde er in das Koblenzer Militärgefängnis eingeliefert.

Seine große Zeit als Parlamentarier kam nach dem Bruch der Großen Koalition in Preußen im Januar 1925. Als maßgebender Sprecher seiner Fraktion gehörte er seit langem zu den temperamentvollsten und bei seinen politischen Gegnern am meisten gefürchteten Debattenrednern des Landtages. Dennoch beruhte sein Einfluß nicht auf seiner rhetorischen Begabung, sondern auf seiner überlegenen Strategie in der Handhabung der Koalitionspolitik. Die Deutsche Volkspartei hatte bei den Landtagswah¬len vom 7. Dezember 1924 größere Stimmenverluste hinnehmen müssen, die vor allem den Deutschnationalen (DNVP) zugute kamen. Obwohl die Große Koalition noch eine klare Mehrheit von 267 von 450 Landtagssit¬zen behielt, drängte die Volkspartei darauf, die DNVP in die Regierung aufzunehmen, was faktisch nur bedeuten konnte, die SPD in die Oppositionsrolle zu zwingen.

Dem Zentrum, das der sozialdemokratische Fraktionsführer Heilmann als die von „rechts und links umworbene Schönheit“ bezeichnete, kam deshalb ebenso wie im Reich eine Schlüsselrolle zu. Bei ihm lag die Entschei¬dung über die faktische Alternative „Bürgerblockregierung“ ähnlich wie im Reich unter dem parteilosen Kanzler Hans Luther oder Bildung einer neuen Weimarer Koalition. Heß wollte diese Option umgehen und bekannte sich weiterhin zur Großen Koalition. Seinem Einfluß war es zuzu¬schreiben, daß seine Fraktion nach den Landtagswahlen vom Dezember 1924 die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten nicht aufkündigte, während die Volkspartei Anfang 1925 unter einem Vorwand ihre beiden Minister aus dem Kabinett zurückzog.

Bei der Aussprache über die Regierungserklärung Brauns vom 14. Januar 1925 vertrat Heß das Konzept der „Großen Volksgemeinschaft“ von der Sozialdemokratie bis zu den Deutschnationalen, sprach sich jedoch dafür aus, vorerst die Große Koalition wiederherzustellen: „Wenn es nicht mög¬lich ist, die Deutschnationalen und Sozialdemokraten in eine Koalition zu bringen, dann können Sie rechnen wie Sie wollen, Sie kommen immer zu dem Resultat, daß dann der Block, wie er vor den Wahlen bestanden hat, mit seinen 267 Mitgliedern jedenfalls die sicherste und breiteste Basis ist, die Sie überhaupt finden können.“ Tatsächlich war diese Rangordnung für Heß jedoch rein hypothetisch, denn er betrachtete die Weimarer Koali¬tion, die nun in der Minderheit war, unausgesprochen als beste Lösung, sah dagegen die Große Koalition als das kleinere Übel an.

Deshalb warnte er zugleich vor einer reinen Bürgerblockregierung. ohne Beteiligung der Sozialdemokraten, in der das Zentrum politisch „unschädlich gemacht“ werden solle, und betonte, daß das Zentrum von der SPD die Weltanschauung, von der Rechten die Konfession trenne. Damit spielte Heß unmißverständlich auf das immer noch schwelende Problem der Imparität zuungunsten der Katholiken gegenüber den Protestanten in der höheren Verwaltung an. Ihm schien diese Frage eher durch ein Zusammenwirken mit den Sozialdemokraten, die das Übergewicht ei¬ner offiziell zwar nicht parteigebundenen, aber politisch konservativ ge¬sinnten Beamtenschaft abzubauen versuchten, als mit den Rechtsparteien lösbar. In der eigenen Fraktion regte sich jedoch auch Widerspruch gegen einen allzu scharfen Konfrontationskurs gegenüber den Rechtsparteien. Besonders der agrarische Flügel, bei dem Braun wegen seiner rigorosen Sparmaßnahmen als Landwirtschaftsminister im Kabinett Hirsch noch als „Minister gegen die Landwirtschaft“ einen schlechten Ruf besaß, warnte vor ei¬nem allzu engen Bündnis mit den Sozialdemokraten. Drei Mitglieder dieser Gruppe, unter ihnen Franz v. Papen, bereiteten am 23. Januar 1925 der Regierung eine Niederlage bei einer Vertrauensabstimmung. Das Kabinett trat am selben Tage zurück.

Die dadurch ausgelöste Krise dauerte mehrere Monate, obwohl der zum Zentrum gehörende frühere Reichskanzler Wilhelm Marx, der nach seinem zweiten Anlauf am 10. Februar eine knappe Mehrheit gewonnen hatte, schon am 18. Februar ein Kabinett vorstellte, dem Minister der drei Weimarer Parteien angehörten. Marx vermochte die Volkspartei ebensowenig zur Mitarbeit zu gewinnen wie die Deutschnationalen und trat deshalb zwei Tage später schon wieder zurück. Die Krise wurde schließlich durch die Neuwahl Otto Brauns am 2. April gelöst, dessen Minderheitskabinett aus Vertretern der Weimarer Koali¬tion bis zu den Neuwahlen von 1928 von der DVP toleriert wurde.

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