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I
Joseph Heß – seine Taufnamen waren Maria Joseph Aloysius – wurde am 13. Mai 1878 in Köln geboren. Sein Elternhaus lag in der Straße „Auf dem Hunnenrücken“ Nr. 28. Der Vater, der Kaufmann Carl Friedrich Heß, des¬sen Familie aus dem Siegkreis stammte, starb schon wenige Jahre nach der Geburt des Sohnes, so daß die Mutter, Mathilde Heß, geborene Siebourg, die Erziehung ihres einzigen Kindes allein übernehmen mußte. Um des¬sen Ausbildung und Studium zu bestreiten, unterhielt die Mutter schon während seiner Schulzeit einen Mittagstisch für Schüler des Gymnasiums aus wohlhabenden Familien. Nach der Volksschule besuchte Heß das tra¬ditionsreiche Marzellengymnasium, wo er Ostern 1898 die Reifeprüfung ablegte. Als Student der Germanistik und der klassischen Philosophie in Bonn schloß er sich der katholischen Studentenkorporation Unitas Salia an, die zu den ältesten und angesehensten katholischen Studentenverbindungen Bonns gehörte.
Im Unitas Verband scheint Heß seine ersten gesellschaftlichen Aktivitä¬ten entwickelt zu haben: So gründete er im Sommer 1899 in Münster neben der dort bestehenden Unitas Frisia eine weitere Korporation, die Unitas¬-Sugambria. Unter seinen Bundesbrüdern stand ihm in Münster der Theo¬loge Georg Schreiber (1882 1963) nahe, einer der führenden geistlichen Zentrumspolitiker der Weimarer Zeit. Zwischen 1903 und 1906 war Heß Schriftleiter des Verbandsorgans „Unitas“, das er zu einer anspruchsvollen katholischen Akademikerzeitschrift ausgestaltete. Nach dem Staatsexamen im Januar 1902 trat er am 1. April desselben Jahres in den preußischen Schuldienst ein. Noch während seines „Seminarjahres“ in Köln promovierte er am 23. Dezember 1902 in Münster bei Wilhelm Storck mit einer Dissertation über „Otto Ludwig Schiller: Versuch eines Ausgleichs zwischen Fabel und Charakterdrama“ zum Doktor der Philosophie. Der Weg in die große Politik, die ihn und das preußische Zentrum später im Reich zu einer wichtigen Stütze Brünings machen sollte, war Heß nicht von Anfang an vorgezeichnet.
Nach dem „Probejahr“ in Mülheim am Rhein war er seit dem 1. April 1904 Oberlehrer am städtischen Progymnasium in Eupen; drei Jahre später wurde er bereits in den Schulaufsichtsdienst berufen. Als Kreisschulinspektor wirkte er seit dem 1. Mai 1907 zunächst in Wipperfürth und seit 1911 in Ahrweiler. Neben seiner beruflichen Tätigkeit ging er als Kritiker und Publizist zunächst seinen literari¬schen und philosophischen Neigungen nach, bis er auf kulturpolitischem Gebiet ein neues Betätigungsfeld fand.
So engagierte er sich als Publizist im „katholischen Literaturstreit“, in dem er die Partei Carl Muths ergriff. Schon als Redakteur der „Unitas“ hatte er sich mit den integralistischen Bestrebungen der „Literarischen Warte“ und des „Gral Kreises“ auseinandergesetzt. Dann wählte er die „Kölnische Volkszeitung“ als publizistisches Forum für seine Fehde mit integralen Ka¬tholiken, die ihren Gegnern „katholische Selbstvergiftung“ vorwarfen, wie der Titel einer im Jahre 1904 erschienenen Broschüre des Kaplans Falkenberg lautete.
Heß, der sich im Literaturstreit engagierte, argumentierte hier wie auch später nicht eigentlich theologisch; der Hinweis auf die reale Inferiorität einer spezifisch christlichen Literatur genügte ihm vollauf. Zu religiösen Grundsatzfragen äußerte er sich nie. Seine katholische Glaubensüberzeugung war eher eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie seine Zugehörigkeit zum Zentrum. Den literarisch künstlerischen Interessen ist Heß jedoch auch später als Politiker nicht völlig untreu geworden. Moderner Kunst gegenüber war er besonders aufgeschlossen. Als späteres Mitglied des Kulturausschusses des Landtags bemühte er sich in den zwanziger Jahren um die Förderung des Berliner Kunst und Theaterlebens. Zu seinen persön¬lichen Freunden gehörte auch Leopold Jessner, der Intendant des Staats¬theaters. Als Wagner Enthusiast soll Heß freundschaftliche Beziehungen zu Max von Schillings und Richard Strauss unterhalten haben.
Heß wurde im Jahre 1908 erstmals für den Wahlkreis Köln/Land Bergheim Euskirchen in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Zweifellos hing seine Entscheidung für die parlamentarische Laufbahn damit zusammen, daß er zwei Jahre zuvor Kreisschulinspektor geworden war und so weite Bereiche der Kulturpolitik aus eigener Anschauung kennengelernt hatte.
Die Problematik des preußischen Schulunterhaltungsgesetzes vom 28. Juli 1906 forderte ihn zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung heraus, die über das dienstliche Interesse des Schulaufsichtsbeamten hinausging. Heß betrachtete dieses Gesetz als eine schwere Niederlage für die bisherige Schulpolitik der Zentrumspartei, obwohl ein Teil ihrer Fraktion im Abgeordnetenhaus für die Vorlage gestimmt hatte. Nach sei¬ner Ansicht hatte das Gesetz die in den Artikeln 14 und 21 – 25 der preu¬ßischen Verfassung von 1850 vorgesehene Vorzugsstellung der konfessio¬nellen Volksschule erschüttert und die Simultanschule allzu sehr begün¬stigt, ja, den hinter ihr stehenden liberalen Kräften zu einem entscheiden¬den Durchbruch verholfen.
Auf einem Parteitag des Zentrums für die Regierungsbezirke Köln und Düsseldorf am 18. Oktober 1908 erläuterte Heß das Problem in einer für ihn charakteristischen Weise vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen liberaler und katholischer „Weltanschauung“: „Mit dem Gesetz vom 28. Juli 1906 ist die zweite Periode im Volkserziehungswesen des preußischen Verfassungsstaates eingeleitet, und sie wird größer sein als die erste; denn der Kampf, zu dem dies Gesetz das Signal gegeben hat, kann nicht mehr zur Ruhe kommen, da nicht zu erwarten steht, daß der Liberalismus die Machtmittel unversucht lassen wird, die er sich in dem neuen Gesetz erstritten hat.“
Die traditionelle Vorzugsstellung der konfessionellen Volksschule in Preußen hat das Zentrum nach dem Ende der Monarchie durch seine par¬lamentarische Schlüsselstellung in der Weimarer Nationalversammlung sichern können. In den Augen seiner linksliberalen und nationalliberalen Gegner erwarb sich der rheinische Abgeordnete und Kreisschulinspektor Heß rasch den Ruf eines ultramontanen Scharfmachers. Öffentliche Auseinandersetzungen mit dem liberalen Deutschen Lehrerverein brachten ihm einmal sogar eine gerichtliche Rüge wegen Verstoßes gegen die guten Sitten und eine Geldstrafe von 100 M. ein. Mit dieser Affäre hing möglicherweise auch seine Versetzung von Wipperfürth nach Ahrweiler zusammen.
Die „Kölnische Zeitung“, das führende Organ der Nationalliberalen im Rheinland, kommentierte ebenso höhnisch wie zustimmend am 2. Mai 1912 in einer Rezension seines gerade erschienenen Buches „Der Kampf um die Schule in Preußen“ die darin vertretene Ansicht, daß sich der liberale Zeitgeist immer stärker in das Schulwesen eindränge: „Seltsam! Während im Reiche und in Preußen der schwarzblaue Block regiert und Zentrum Trumpf ist, während in Bayern ein ultramontanes Ministerium es wagen darf, über Reichsgesetze hinwegzuschreiten, spricht ein Ultramontaner in einer »geschichtlichen« Betrachtung der preußischen Schulverhältnisse von dem unaufhaltsamen Vordringen des liberalen Gedankens und stellt als seine Überzeugung hin, daß in Preußen und Deutschland nicht gegen den Grundsatz der »mittleren Linie regiert« werden könne.“
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