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VII
Das Verhängnis der preußischen Zentrumspolitik scheint gerade die taktisch strategische Begabung des langjährigen inoffiziellen Fraktionsführers gewesen zu sein, der eine widerstrebende und mit wenigen glänzenden Köpfen ausgestattete Fraktionsmehrheit souverän beherrschte. In rückschauender Perspektive charakterisierte Heinrich Brüning in seinen Memoiren den Sachverhalt durchaus zutreffend: „Es war der Fehler des Systems Heß, daß er in der Fraktion bei aller taktischen Begabung kein politisches Denken aufkommen ließ und ebensowenig jüngere Mitglieder in seine kluge Maschinerie hineinsehen ließ, so daß sie sich an keine selbständige Verantwortung gewöhnen konnten. So war die preußische Fraktion nach dem Tode Heß` einem Diadochenregime ausgeliefert.“
Andererseits ist Heß auch schon in der Ära Porsch alles andere als eine „graue Eminenz“ im Hintergrund des parlamentarischen Alltags gewesen. Selbst im früheren Abgeordnetenhaus hatte zu den führenden Sprechern seiner Fraktion in Kirchen- und Schulfragen gehört. In der Weimarer Zeit wurde sein großes Thema die Paritätsfrage, die er gewöhnlich in den jährlichen Haushaltsdebatten im Plenum und im Hauptausschuß mit erheblichem rhetorischem Aufwand erörterte. Seine Polemik richtete sich vorwiegend gegen die Deutschnationalen, die den angeblichen „Ämterschacher“ in der Republik unter dem preußischen Innenminister Carl Severing und Albert Grzesinski fortwährend anprangerten. Heß hatte immer wieder das Übergewicht des konservativen, in der Regel den Rechtsparteien zuneigenden Elements in der Beamtenschaft kritisiert.
Er hat auch zahllosen personalpolitischen Einzelentscheidungen große Aufmerksamkeit gewidmet. Aus langjähriger Tätigkeit in der Schulaufsicht als Beamter der Koblenzer Regierung war ihm dieser Bereich der praktischen Politik ohnehin vertraut. Als Schwiegersohn des Ministerialdirektors Wilhelm Heuschen gewann er darüber hinaus manchen Einblick in die Verhältnisse im Kultusministerium. Der Leiter der 1926 geschaffenen Personalabteilung im Innenministerium, Heinrich Brand, war lange Zeit Heß` Vertrauensmann. Der Zentrumspolitiker galt nicht ganz zu Unrecht bei seinen politischen Gegnern als Meister des politischen „Kuhhandels“, da er nicht nur über gute Informationsquellen, sondern auch über gute Beziehungen zu Braun, Severing und Grzesinski verfügte, mit denen er jederzeit ohne Vermittlung der politisch wenig profilierten Minister seiner Partei verkehren konnte.
Ausgesprochen beliebt ist Heß selbst in republikanischen Kreisen nie gewesen. Ernst Feder, der innenpolitische Redakteur des „Berliner Tageblattes“, notierte am 16. Februar 1927 in seinem Tagebuch, daß der „Schulmann“ Heß, dem er an diesem Tage bei einem Bierabend bei Braun erstmals begegnete, einen „sehr brutalen und gerissenen Eindruck“ mache und „namentlich in Personalien als brutal“ gelte. Die Legitimation für die Härte, mit der er die Ansprüche seiner Partei zuweilen durchsetzte, sah Heß zweifellos darin, daß er keinerlei persönliche Karriereinteressen verfolgte. Schon seit 1924 hatte der Koblenzer Regierungspräsident – natürlich im Hinblick auf Heß` Abgeordneteneigenschaft – jedes Jahr aufs neue in Berlin empfohlen, ihn zum Ministerialrat zu befördern.
Seit seiner Ernennung zum Regierungsdirektor lehnte Heß jedoch jede weitere Beförderung ab. Erst als Parteivorsitzender ließ er sich am 1. Oktober 1930 unter Beibehaltung seines bisherigen Dienstranges als Dirigent der Finanzabteilung an die Preußische Bau- und Finanzdirektion nach Berlin versetzen, um seine neuen politischen Aufgaben besser erfüllen zu können. Ein Ministeramt hat Heß wiederholt abgelehnt, offenbar weil er ebenso wie sein sozialdemokratischer Kollege Ernst Heilmann der Ansicht war, daß die gefährdete Weimarer Koalition in Preußen nur solange Bestand haben würde, wie es gelang, die Landtagsfraktion durch straffe Führung zusammenzuhalten.
Dies war möglich bis zu den Landtagswahlen vom 24. April 1932, die den Weimarer Parteien endgültig ihre parlamentarische Mehrheit entzogen. Die Gewinne des Zentrums in Höhe von über einer halben Million Stim¬men bei dieser Wähl gingen sicherlich nicht nur auf das Konto der Popula¬rität des amtierenden Reichskanzlers Heinrich Brüning, sondern bedeute¬ten auch eine posthume Anerkennung der Politik des preußischen Zentrumsführers.
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